Möglichkeiten der ganzheitlichen Begabungsförderung
an einer Rudolf Steiner Schule

Abschlussbericht des 3-jährigen Projektes
an der Rudolf Steiner Schule Luzern-Littau
2006-2009

Laura Schmidig-Piffaretti

Das Thema der Begabungsförderung an Rudolf Steiner Schulen war vor einigen Jahren noch eher neu, denn schon alleine durch die anders ausgerichtete Pädagogik stellte sich diese Frage nicht dringend. Jedoch haben sich die Bedürfnisse und die Möglichkeiten der Kinder und der Lehrer sehr verändert, sodass die Situation heute neu beurteilt werden sollte.

Nachdem ich mich im Januar 2006 an der Lehrerfortbildung in Dornach zum Thema "Integrative Begabungs- und Begabtenförderung" und mit Literatur zum Thema befasst hatte wurde es mir ein Bedürfnis, ein Konzept vor allem für kleine Schulen oder Schulen mit Doppelklassen zu entwickeln.

Im Schuljahr 2006/2007 wurde an der Rudolf Steiner Schule Luzern/Littau ein 3-jähriges Projekt begonnen, welches die "schulbegleitende Förderung" für verhaltensauffällige und heilpädagogische Kinder (heilpädagogische Einzelförderung und Therapien) wie auch die Begabungsförderung umsetzen wollte. Als Träger dieses Projektes haben sich fünf Menschen zu einer Gruppe zusammengefunden und haben regelmäßig an Konzept, Umsetzung und Begleitung von Heilpädagogin und Beauftragte für Begabungsprojekte in der Schule gearbeitet.

Die Rudolf Steiner Schule Luzern/Littau wurde im Herbst 1977 durch die Entstehung eines Initiativkreises geboren und öffnete ihre ersten zwei Doppelklasse im Herbst 1988, nachdem in der Zwischenzeit 2 Kindergärten entstanden waren. Bis heute führt diese Schule Doppelklassen mit durchschnittlich 8 - 12 Kindern pro Klasse, vom Kindergarten bis zur 9. Klasse. Im vergangenen Schuljahr waren 102 Schüler an der Schule. Die Steiner Schule Luzern/Littau führt auf der Elementarstufe eine Basalstufe und auf der Mittelstufe eine Schülerfirma.

In den Klassen gibt es sowohl sehr begabte Kinder (meist Teilbegabte) wie auch verhaltensauffällige oder heilpädagogische Kinder oder Kinder, welche aufgrund ihrer nicht wahrgenommenen Begabungen verhaltensauffällig sind. Also viele Schüler mit unterschiedlichen besonderen Bedürfnissen, die gleichzeitig auf unterschiedlichen Stufen unterrichtet werden wollen.

Begabungsförderung in der Rudolf Steiner Schule - Grundgedanken

Für die Entwicklung unseres Konzeptes im Bereich "Begabungsförderung" waren uns drei Gesichtspunkte absolut wichtig:

  1. Jedes Kind hat in einem Bereich eine Stärke, auch die eher schwachen Kinder.
  2. (Teil-)begabte Kinder fördern, aber ihre Schwäche mit einbeziehen.
  3. Projekte so gestalten, dass das Klassenganze nicht auseinandergenommen wird, sondern dass dadurch etwas Gemeinsames entsteht.

Bei Punkt 1 geht es darum, dass Schüler durch ihre Stärken Selbstvertrauen schöpfen können, vor allem diejenigen, welche sonst eher schwach sind und dementsprechend darunter leiden. Es ist auf diese Art auch möglich, die Stärke gezielt zu nutzen, damit an einer Schwäche gearbeitet werden kann.

Bei Punkt 2 geht es darum, dass besonders begabte Schüler meist im Sozialen eher am Rande stehen. Durch das Aufgreifen ihrer Stärke soll dieses nicht noch verstärkt werden, was jedoch sehr schnell geschehen kann. Besonders begabte Kinder fühlen sich von vornherein anders und reagieren deshalb oft abwehrend auf gut gemeinte Förderung, weil sie eigentlich "ganz wie die anderen" sein und nicht auffallen möchten. Es geht deshalb darum, die Förderung so unauffällig wie möglich zu gestalten damit sich diese Kinder trotz und mit ihrer Besonderheit ins soziale einfügen können und von den Anderen auch so angenommen werden können.

Bei Punkt 3 geht es darum, dass das, was durch die Projektgruppen auseinander genommen wird, wieder im Klassenganzen zusammengefügt werden kann. Die Stärken der Einzelnen werden so für alle förderlich.

Es haben sich dabei - auch unter Berücksichtigung der spezifischen Pädagogik - für die Klassen 1 - 9 folgende Möglichkeiten ergeben:

1.-2-Klasse:
Es wird versucht, die Einseitigkeiten ins Klassenganze einzubeziehen und sie da gegenseitig in ein besseres Gleichgewicht zu bringen. Die Kinder haben meist noch kein klares Bewusstsein für besondere Stärken oder Schwächen, die Individualisierung sollte zugunsten des sozialen Prozesses - auch der einzelnen Kinder - weniger gefördert werden. Im Konzept der Elementarstufe (und besonders der Basalstufe) wird diesem Ansatz entsprochen: ausgleichen, fördern, stärken, miteinander füreinander.

3.-6. Klasse:
In dieser Altersstufe ist es sinnvoll, in kleinen Gruppen zu arbeiten und das Erarbeitete wieder ins Klassenganze zurück zu bringen, damit alle davon lernen können. Für diese Stufe wurden von uns spezifische Möglichkeiten erarbeitet.

7.-9. Klasse:
Auf dieser Stufe ist die Förderung sehr individualisiert, was in der Schule Luzern im Konzept der Schülerfirma, welche einen Vormittag pro Woche geführt wird, aufgenommen wurde und Klassenübergreifend umgesetzt wird.

Umsetzung der Begabungsförderung 3. - 6. Klasse

Begabungsförderung oder Begabungsanerkennung? Ersteres ist bekannt, man weiss im Allgemeinen, was darunter zu verstehen ist. Das Zweite trifft mehr dasjenige, was die Kinder und Schüler eigentlich brauchen, ist aber quasi ein neuer Begriff. Wir belassen es beim Bekannteren, wollen aber alles im Lichte der Begabungsanerkennung sehen, wird doch dadurch der Mensch und nicht nur seine Begabung angenommen und anerkannt!

Wichtig ist zu betonen, dass die Projektarbeiten nicht als Begabungsförderung (oder Begabtenförderung) mitgeteilt werden, sondern eben als Projektarbeiten. Die Gruppen werden von der Klassenlehrperson den Begabungen der Schüler entsprechend eingeteilt. Dabei wird stark darauf geachtet, dass alle Schüler an einer Projektarbeit teilnehmen können. Auch das Zurücktragen des Erarbeiteten in die Klassengemeinschaft, oder das Zusammentragen von Teilgebieten in ein Ganzes ist sehr wichtig. Als Beispiel sei hier die Entstehung eines Buches geschildert:

  1. Gruppe hat die Geschichte gedacht, diskutiert und textlich formuliert
    -> Begabungsbereich Sprache - Deutsch.
  2. Gruppe hat Bilder zu einzelnen Kapiteln oder Personen gemalt
    -> Begabungsbereich bildnerischer Ausdruck.
  3. Gruppe hat die Buchseiten kalligraphisch gestaltet und gebunden
    -> Begabungsbereich handwerklich- ablauforientiertes Denken.

So konnten alle Schüler ihren Begabungen entsprechend am Projekt mitarbeiten und es entstand daraus ein Gemeinschaftsprojekt, das Buch. Dieses wurde von den Schülern am Bazar der Schule verkauft.

Auf ähnliche Weise ist ein Hörspiel entstanden.

Andere Projektarbeiten werden unabhängig voneinander gestaltet, aber auf die gerade aktuellen Epochen bezogen. So fanden zu folgenden Themen Begabungsorientierte Gruppenarbeiten stattfinden:

  • Berufe (Vertiefen)
  • Tierkunde (Erweitern)
  • Mathematik (Förderung von Rechenschwäche durch Gestaltung eines Spiels für die Klasse; Zahlenstrahl)
  • Bildnerisches, praktisches Gestalten (Gegenstand zum Gebrauch für die Elementarstufe; Buchgestaltung)

Es wurde Wert darauf gelegt, dass jeder Schüler Erfahrungen machen konnte, die ihn weiterbrachten und an denen er seine Möglichkeiten aktiv und positiv erlebte, ebenso dass sein lebendiges Interesse geweckt wurde.

Fazit

Mein ganz persönliches Fazit nach 3-jähiger Leitung und Arbeit für das Projekt - insbesondere für den Bereich Begabungsförderung - zeigt folgende Erkenntnisse:

  1. Erkenntnisse aus Sicht des Waldorfhintergrundes gewonnen oder bestätigt zu haben: - Jedes Kind hat in einem Bereich eine Stärke, auch die eher schwachen Kinder. Es werden Begabte und Lernbehinderte gleichzeitig berücksichtigt.
    - (Teil-)Begabte Kinder fördern, aber ihre Schwäche mit einbeziehen.
    - Projekte so gestalten, dass das Klassenganze nicht auseinandergenommen wird, sondern dass dadurch ein Gemeinsames entsteht.

  2. Unsere Art der Umsetzung von Begabungsförderung ist nur in kleinen Schulen mit Doppelklassen relevant. Die Fragestellung gilt jedoch auch bei Klassen mit durchschnittlich 20-30 Kindern. Da können diese Projektarbeiten vom Klassenlehrer klassenintern durchgeführt werden.

  3. Waldorf-Steiner Schullehrer sollten mit dieser Pädagogik, eigener Begeisterung und Interesse für das Thema eigentlich bestens dafür ausgerüstet sein, Begabungsanerkennung und Begabungsförderung im schulischen Alltag um zu setzen. Zentral ist die Frage des "WIE begegne ich diesen Kindern", nicht des "WER wird ihnen gerecht". Denn: Begabungsanerkennung kann nicht in einzelne Lektionen ausgesondert werden!

Gerne stehe ich jederzeit für Fragen, Gespräche oder Austausch zur Verfügung! Der Vollständige Bericht zur Arbeit Anfragen unter: schmipi@gmx.ch

Kontakte

Leitungsgruppe: Laura Schmidig-Piffaretti
Rütliweg 7
6045 Meggen
041 377 52 72
 
Heilpädagogin: Simona Roelly
Widacherring 15
6102 Malters
041 4973270
 
Vertretung Lehrerkollegium
der Rudolf Steiner Schule:
Sabine Baumgartner
Büelmatt 2
6204 Sempach
041 460 25 51


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