NZZ am Sontag, Gesellschaft, 24.06.2007

Rolex statt lila Gewänder

(Sacha Batthyany)

Rudolf-Steiner-Schulen galten als verstaubt, die Zahl der Schüler sank, die Schulen wurden geschlossen. Nun gibt es aber seit neuestem Wartelisten. Und Eltern, die mit Range Rover vorfahren.

Pünktlich um acht begrüsst Cornelius Bohlen die Klasse 12b: "Guten Mooorgen". Noch werden Stühle zurechtgerückt, ein Mädchen zupft an ihrem kurzen Rock, einem Jungen ist der Kugelschreiber ausgelaufen, seine blauen Finger wischt er an seiner Jeans ab. Bohlen fragt: "Was sind die Kernpunkte des Weltbildes von René Descartes?" Die 18 Schüler sitzen an hellen Holztischen, sie tragen Turnschuhe und Kapuzenpullis, aus denen weisse Kopfhörer baumeln, und sie wippen mit den Beinen. Dass man sich in einem Klassenzimmer einer musischen Schule befindet, erkennt man einzig an, den Geigenkästen, die unter den Tischen liegen. "Na?", fragt Bohlen: "Wer weiss was über Descartes?" Stille, bis Conradin, aus der hintersten Reihe, zögerlich den Arm hebt und mit den Fingern schnippt. Steiner-Schulen galten lange als verstaubt. "Die Eltern in wallenden lila Gewändern", erzählt eine ehemalige Schülerin, "brachten ihre Kinder mit dem Fahrrad zur Schule", Fussballspielen galt als Tabu, bedruckte T-Shirts ebenso, keine Computer, keine Filzstifte, keine rechten Winkel, dafür viel Holz und Eurythmie und zu Mittag heissen Tee. Wer je zur Steiner-Schule ging, kennt die Vorurteile: Bastelschule, Sekte. Doch das scheint sich geändert zu haben. "Die Steintzgi" ist nicht mehr einfach nur alternativ, sondern eine echte Alternative zur Staatschule. Von lila Gewändern ist nichts mehr zu sehen

Papis putzen Kindergarten
"Etwas anderes als die Steiner-Schule käme nicht in Frage", sagt Daniela Grieder, Tochter aus der bekannten Grieder-Mode-Familie in Zürich. Gemeinsam mit ihrem Mann führt sie eine Werbeagentur, "hauptsächlich für Lifestyle und Schmuck", und entspricht so gar nicht dem Klischee der weltentrückten Anthroposophin. "Uns geht es nicht um die Ideologie", sagt sie, "uns geht es um unsere Zwillinge." Die würden in den Steiner-Schulen ganzheitlich betreut und in künstlerisch-kreativen Bereichen gefördert. "Sie wachsen umweltgerecht auf, sie werden zu Freigeistern gemacht." Darum gehe es ihr. "Ich trage eine Rolex, wir haben einen Fernseher und finden die Steinerschule trotzdem das einzig Richtige. "Na und?" Heute liessen sich diese Dinge vereinen, man sehe Eltern im Range Rover, die ihre Kinder abholen, "und zweimal im Jahr putzen wir den Kindergarten, weil Reinigungspersonal zu teuer ist. Mein Mann, der sonst mit Krawatte herumläuft, schrubbt den Boden. Das ist doch wunderbar."

Eine neue Generation wohlhabender Eltern, weltoffen, urban, scheint gerade dabei zu sein, alternative Erziehungsmethoden wiederzuentdecken. Nur ist sie im Unterschied zu den Generationen davor weniger dogmatisch, weniger ideologisch, weniger stur. Seit zwei Jahren, sagt Robert Thomas, Koordinator der Schweizer Steiner-Schulen, sei eine Kehrtwende spürbar. "Ein Drittel der Schulen wächst wieder, wir mussten Wartelisten einführen." Erklärungsversuche für den Aufschwung gebe es viele. Dass die Art der Erziehung dem Zeitgeist entspreche, sei einer davon: "Ökologie und Ethik liegen im Trend." Dass die Wirtschaft floriere, eine weitere, schliesslich "kommt nur, wer es sich leistet, 500 Franken im Minimum, 2000 im Maximum." Auch die schlechte Presse, die die Staatsschule erhalte, trage zum Wachstum bei. "Hohe Ausländeranteile, Jugendgewalt, solche Probleme kennen wir hier nicht." Steiner-Schulen seien zwar keine Inseln, aber die Elternschaft entspreche nicht dem Abbild der Bevölkerung. Thomas: "Der wichtigste Grund für die Kehrtwende ist jedoch die Modernisierung der Schulen von innen heraus": Frühenglisch, Frühfranzösisch, mehr Blockstunden, mehr Sport. Und was noch vor Jahren undenkbar war: "Wir haben in Zürich Noten eingeführt und entwickeln die Einführung einer Hausmatur" Sie seien auch mental nicht stehengeblieben, sagt Thomas über die neue Lehrergeneration. Bei ehemaligen Steiner-Schülern klingt das undiplomatischer: "Die alte Garde ist endlich weg. Wurde auch Zeit."

Erfolg mit Frühchinesisch
Kathrin, Juristin und Mutter der vierjährigen Lara, sagt: "Das Leistungsprinzip der Staatsschulen mit Noten, und Standardisierungen, das ist doch gar nicht mehr zeitgemäss." Leistung sei wichtig, ja, aber nur gepaart mit Sozialkompetenz und Kreativität, "die Mischung macht's". Kinder sollen keine Maschinen werden, sondern Menschen. Das sei nur durch individuelle Förderung möglich. "Staatsschulen fehlt es dazu an Mitteln. Die sind viel zu träge." Und Kathrin ist mit ihrer Meinung nicht allein.

Privatschulen wachsen

In einkommensstarken Kantonen wie Zürich und Basel steigt die Zahl der Privatschüler. Schweizweit bleibt sie zwar stabil bei 4 bis 5 Prozent, in Arlesheim (BL) jedoch besucht jedes fünfte Kind eine private Primarschule, in Kilchberg (ZH) sind 30 Prozent an einer privaten Sek eingeschrieben. "Stark angestiegen" ist laut Bildungsdirektion Zürich "der Bedarf an Schulen mit englischer Unterrichtssprache". Auch Institutionen mit "spezieller pädagogischer Ausrichtung" legen zu. Nach einem grossen Wachstum 1970 bis 1995 verlor die Steiner-Schule bis 2005 rund, 3000 Schüler, ein Drittel ihrer Schülerschaft. "Heute wachsen wir wieder in 12 Schulen", sagt Robert Thomas, Koordinator der Steiner-Schule, ausgebaut würden auch Kindergärten und Spielgruppen. Jürg R. Schüepp von der Vereinigung der Montessori-Schulen spricht ebenfalls von "anhaltendem Wachstum". (bat.)

Wer es vermag, schickt seine Kinder auf Privatschulen (siehe Box). Dass sich der Nationalrat diese Woche gegen Frühenglisch an Staatsschulen entschieden hat, dürfte dieser Entwicklung förderlich sein. Hanspeter Beerlis LIP-Schule in Zürich bietet nicht nur Frühenglisch, sondern auch Frühchinesisch an und ist damit so erfolgreich, dass für die Basisstufe nach einem Jahr bereits grössere Räumlichkeiten gesucht werden. Beerli: "Eltern sind Kunden. Und sie werden immer anspruchsvoller." Für eine gute Ausbildung seien sie zu immer grösseren Opfern bereit, "für das monatliche Schulgeld von bis zu 24oo Franken werden Häuser verkauft und Ferien gestrichen", notfalls gingen Mütter abends auch putzen. Conradin und seine Klassenkameraden aus der 12b sind mittlerweile in der Probe. Eine Theateraufführung steht an, die 12b hat sich für Loriot entschieden: "ist das der Lammsattel mit Püree oder die Kalbshaxe Florida?" Noch vor einer Stunde sprachen sie über Descartes und Spinoza. Wie sagte Kathrin, die Juristin? Die Mischung macht's.

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