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TAGES ANZEIGER, ZÜRICH, 26.01.2006
Lernen nach individuellem Lehrplan: Die private
LIP-Schule in Zürich-Wollishofen machts möglich.
Putzen gehen für die Privatschule
(Von Paula Lanfranconi))
Private Schulen sind längst nicht mehr nur Kindern
aus reichem Haus vorbehalten. Für die bestmögliche Förderung ist
den Eltern kein Opfer zu gross.
Am Anfang war es für Irina lwanowna* ein Schock. An ihrem Wohnort
am linken Zürichseeufer gibt es keine Tagesschule. Für sie, die
im sowjetischen Schulsystem aufwuchs, ist es selbstverständlich,
auch mit Kind berufstätig zu sein. Zum Glück war kurz zuvor in Horgen
die private zweisprachige Tagesschule Zimmerberg (TAZ) eröffnet
worden. Dort wird ihr heute achtjähriger Sohn gut betreut und das
ist Irina besonders wichtig er lernt Englisch.
Gut 21'000 Franken kostet die Privatschule jedes Jahr. Viel Geld
für die Juristin, deren Diplome hier nicht voll anerkannt sind und
die mit einem Schweizer Handwerker verheiratet ist. Damit sie die
Schule bezahlen können, arbeitet Irina lwanowna bis in die Nacht
in einem Advokaturbüro. Zeit für sich selbst hat sie keine mehr.
Ist das nicht ein sehr grosses Opfer? Irina lacht. "Ich arbeite
etwas mehr, dafür habe ich das gute Gefühl, alles für unseren Sohn
getan zu haben" Bildung, einen guten Start in der Schule findet
sie wichtig, Versäumtes lasse sich später kaum nachholen.
Wie Irina denken immer mehr Eltern nicht nur binationale Paare oder
solche mit goldenen Wasserhähnen und Chauffeur. "Sie erwarten etwas,
was die Volksschule nicht mehr oder noch nicht bieten kann", weiss
Ruth Hofmann, Schulleiterin der TAZ.
Jedes 20. Kind besucht Privatschule
Hofmann sass lange als Lehrervertreterin im Bildungsrat. Erlebte,
wie die öffentliche Schule immer mehr sparen muss. Das arbeitet
den Privaten in die Hände. Rund um den Zürichsee werden englisch-deutsche
"Pre-Schools" für Knirpse ab drei Jahren eröffnet. So baute etwa
das Lernstudio kürzlich in Wollishofen eine junior School, weil
jene in Kilchberg zu klein geworden war. Je nach benötigter Betreuungszeit
müssen besser verdienende Paare in Zürich bis zu 2000 Franken Hortkosten
pro Monat berappen. Private Angebote sind für sie deshalb eine attraktive
Alternative.
Im Kanton Zürich besuchte letztes Jahr jedes 20. Kind im obligatorischen
Schulalter eine Privatschule. Das sind 8 Prozent mehr als noch 2000.
Am meisten Privatschüler leben in den Zürcher Schulkreisen Zürichberg
und Uto sowie in den reichen Seegemeinden. Den Rekord hält Kilchberg.
Dort gehen 15 Prozent der Primarschüler in eine Privatschule, auf
Sek-Stufe sogar 28 Prozent.
Von einem Privatschulboom mögen aber weder die Bildungsdirektion
noch Klaus Loges, Präsident des Verbandes Zürcherischer Privatschulen,
sprechen - immerhin kostet selbst die günstigste Schule 15'000 Franken
im Jahr. Solange Eltern das Schulgeld nicht von den Steuern absetzen
können und es keine Bildungsgutscheine gibt, wird es deshalb kaum
eine Massenflucht aus der Volksschule geben. Doch Eltern standen
noch nie so massiv unter Entscheidungsdruck - Spätestens vor dem
Übertritt in die Oberstufe haben viele das Gefühl, sie könnten den
Erfolg ihres Kindes an der öffentlichen Schule nicht beeinflussen.
Fürchten, es falle durch die Gymiprüfung oder finde keine Lehrstelle.
So gehen die Mütter notfalls auch putzen, damit der Sprössling mittwochs
und samtags in die private Nachhilfe kann.
"Heute", beobachtet Klaus Loges, "überlegen sich auch Mittelschichtfamilien,
ihr Auto noch etwas länger zu fahren oder einen Erbanteil im Voraus
zu beziehen, damit sie ihrem Kind ein oder zwei Jahre an einer Privatschule
finanzieren können." Neue Kunden der Privaten sind auch gut verdienende
Secondos, die es zum Jung-Unternehmer gebracht haben. Manchmal nehmen
Eltern die Schulkarriere ihres Kindes selbst in die Hand, weil sie
nicht wollen, dass es etwa die Sek in einem Quartierschulhaus mit
schlechtem Ruf besuchen muss. Für Brigitte Keller war das ein Thema:
"Auf dem Pausenplatz gings brutal zu, und die Polizei kam mehrmals
wegen Drogen" Ihr Sohn wird nun in einem Übergangsjahr an der Freien
Evangelischen Schule sein Deutsch verbessern. Und dann, so hofft
die Mutter, den Sprung ins Gymi schaffen.
Viele neue Angebote auf dem Markt
Oft sind es weder ehrgeizige Überlegungen noch Prestigedenken, welche
Eltern zum Wechsel in eine Privatschule motivieren, sondern handfeste
Probleme. Bei Florian, 12, zum Beispiel. Er hat ein leichtes ADS,
ein Aufmerksamkeitsdefizit-Syndrom. "Wenn wir die Lektion zu Hause
zusammen durcharbeiten", sagt seine Mutter, "macht er es gut. Doch
jetzt, in der Pubertät, lehnt er unsere Hilfe ab." Was Florian brauche,
sei eine kleine Klasse, Unterstützung bei den Aufgaben und eine
Tagesstruktur. "Ich möchte das alles vertrauensvoll in die Hände
der Schule legen können", bringt die Mutter ihre Erwartungen auf
den Punkt. Florians Eltern stehen nun vor der Qual der Wahl. Sie
stellen fest, dass in den letzten Jahren spannende Angebote entstanden
sind. Oft sind die Schulgründer reformfreudige Pädagogen, die auf
Selbstmotivation und individuelles Lernen setzen. "Alles, gluschtige
Modelle", sagt Florians Mutter, "aber wir fragen uns: Funktioniert
das bei unserem Kind? Hätte man nicht schon viel früher so arbeiten
müssen?"
Manchmal braucht es Umwege. Wie bei Patrick, 14. Schon in der sechsten
Klasse erhielt seine Mutter Anrufe, die Lehrerin komme mit dem jungen
nicht zurecht. Obwohl Patrick ehrgeizig ist, flog er von Gymi, auch
im Lernstudio war er untragbar. Er schmiss Stühle umher, hatte jähe
Wutausbrüche. Der Mutter empfahl man Patrick in die Jugendpsychiatrie
einzuweisen. Inzwischen zeigte sich, dass das unerklärliche Verhalten
auf eine ADHS, als eine Störung im Hirnstoffwechsel, zurück geht.
Heute, ein halbes Jahr später, hat sich ihr Sohn völlig verändert,
freut sich die Mutter. Seit dieser Zeit geht er in die 2000: gegründete
SchülerInnenSchule Zürich (SISZ). Dort sei er ohne Vorbehalte aufgenommen
worden. "Die Lehrkräfte, hauptsächlich Männer, begegnen den Schülen
nicht als Kumpel, aber kollegial. Und setzen klare Grenzen" Seither
erhält die Mutter keine Klagen mehr. Zwei Schlüsse zieht sie aus
ihrer Odyssee - Auch Umwege lohnen sich. Und: Wenn sich das Kind
akzeptiert fühlt, kann es auch in verfahrener Situationen noch klappen.
Keine Chancengleichheit mehr?
Schwierig sah es auch für Dani aus. In der fünften Klasse bezeichnete
ihn der Schulpsychologe als "Scherenkind": in einigen Fächern war
er ein Jahr voraus, in anderen schwer im Rückstand. Seine Elttern
fürchteten, dass er in der öffentlichen Sek A nicht mithalten könne,
in der Sek B aber völlig unterfordert wäre. Seit drei Jahren geht
Dani nun in die Wollishofener-LIP-Schule. LIP bedeutet "Lernen ist
persönlich". Nach diesem Motto wird Dan individuell betreut. In
Fächern, in denen er stark ist, besucht er Lektionen mit höherer
Anforderungen, wo er schwach ist, solche mit niedrigerem Niveau.
"Dani ist nun sehr glücklich", sagt seine Mutter. Ein Gymischüler
werde er zwar nicht, aber er wisse, was er könne, und suche nun
eine anspruchsvolle Lehrstelle.
Oft haben Eltern riesige Erwartungen an die Privatschule - schliesslich
investieren sie eine hübsche Stange Geld. Doch Robert Steinegger
von der Bildungsdirektion und TAZ Leiterin Ruth Hofmann warnen "Privatschulen
sind weder problemfreie Zonen noch Selbstbedienungsbuffets" Verlangen
Eltern, ihr Kind sei unter aller Umständen ins Gymi zu bringen,
winkt die erfahrene Pädagogin ab: Ausschöpfung der Begabung ja,
aber keine forcierten Übungen zu Lasten der Kinder.
Wie die Zukunft der Privatschulen aussieht, hängt auch von der öffentlichen
Schule ab. Wenn sie noch mehr sparen muss und den Bedürfnissen einer
neuer Elterngeneration nicht Rechnung tragen kann, die Lehrpersonen
noch ausgebrannter sind, steigen die Chancen der Privaten Sie werden
dem Trend zur früheren Einschulung und zur Ganztagesbetreuung Rechnung
tragen und noch mehr Bilingual Dayschools und Pre-Kindergarten-Angebote
schaffen. Mit der Chancengleichheit ist es dann allerdings nicht
mehr weit her.
*Namen von Eltern und Kindern geändert
| Welche Schule
ist die richtige? |
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Im Kanton Zürich gibt es rund 70 staatlich
anerkannte Privatschulen. Sie lassen sich
grob aufteilen in:
- religiös orientierte Schulen (z. B.
Freie Evangelische, Freie Katholische
Schule)
- Schulen mit speziellem pädagogischem
Konzept (z. B. Montesso, Steiner, Delta)
- Alternativschulen (z. B. Lernstudio
["Die Schule nach Mass"], Bilingual Day
Schools, LIP-Schule ["Lernen ist persönlich"],
SISZ ("Schülerinnen-Schule Zürich"])
- Schulen mit internationalem Lehrplan
(z. B. Zurich International School)
- IV-anerkannte Sonderschulen für Kinder
mit speziellen Bedürfnissen (Z.B. IWW
Wetzikon, KUK).
Detaillierte Übersichten:
www.vsa.zh.ch (Volksschulamt), www.v-z-p.ch
(Verband Zürcherischer Privatschulen), www.privatschulverzeichnis.com
(eine Gesamtbroschüre gibt es
bei Tel. 044 422 30 31),
www.privatschul-beratung.ch
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So finden Sie die richtige
Privatschule:
- Überlegen Sie, was ihnen für Ihr Kind
speziell wichtig ist. Reden Sie mit anderen
Eltern.
- Sprechen Sie mit der Schulleitung möglichst
während der Schulzeit. So erhalten Sie
Eindrücke von der Schulatmosphäre und
den Schülerinnen und Schülern.
- Stellen Sie ungeniert Fragen: Welches
pädagogische Konzept hat die Schule? Gibt
es eine Aufnahmeprüfung? Wie häufig sind
Standortbestimmungen? Wie sehen die Anschlussmöglichkeiten
an die öffentliche Schule aus?
- Privatschulen sind teuer. Bei Klassen
zwischen 20 und 25 Schülern beträgt das
jährliche Schulgeld 13'000 bis 17'000
Franken. Bei Kleinklassen muss man mit
bis zu 25'000 Franken rechnen. Klären
Sie ab, ob das Schulgeld ein Jahr im Voraus
bezahlt werden muss. Wie sehen die Ausstiegsmöglichkeiten
aus?
- Wichtig: Ihr Kind muss die Schule sehen
und sich dort wohl fühlen, bevor Sie einen
Vertrag unterschreiben. (lan)
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